Beitrag: Entsagung als erzieherische Möglichkeit?

Geschrieben von am 5. Februar 2019 | Abgelegt unter Alle, Region Südwestsachsen

Dieser Beitrag von Netzwerkpartner Jens Bitterlich konnte aus Platzgründen nicht im MITEINANDERSEIN Magazin Nr. 84 abgedruckt werden. Daher lies bitte hier online:

Fasten – Warum mich dieses Thema anspricht? Nun, wenn ich zum Beispiel in einer Beratungsrunde mit Eltern sitze, dann möchte ich mit meiner ganzen Person anwesend sein. Eine parallel dazu ablaufende Fastenaktion z.B. wäre mir da wohl eher hinderlich. Wie will ich in Menschen das Vertrauen in die eigene Kraft stärken, wenn die eigene Kraft nur unzureichend zur Verfügung steht? Manche mögen das alles in Einklang bringen können, ich leider nicht. Dennoch, Fasten im weiteren Sinne als Erziehungsmittel, geht das überhaupt, ist das sinnvoll? Hier muss ich aber den Begriff des Fastens doch in einer weiter gefassten Art interpretieren, nämlich ohne größere Not auf etwas im Augenblick zu verzichten, obwohl es erreichbar wäre.

Was mich da seit Jahren umtreibt, ist ein Text von Goethe: „Ferdinand und Ottilie“, nachzulesen in den Novellensammlungen. Ein Text, der mich beim Lesen immer wieder weg stößt und gleichzeitig eben auch immer wieder anzieht. Inhaltlich geht es darum, trotz fehlender finanzieller Mittel durch eindrucksvolle Geschenke einem Mädchen zu gefallen. Dann kommt ein Zufall ins Spiel, der dem Helden unverhofft Zugang zu den väterlichen Geldern verschafft. Die davon gekauften Geschenke bewegen das Mädchen, unseren Helden zu erhören. Allmählich läuft jedoch alles aus dem Ruder. Schlechtes Gewissen lässt unseren Helden die Quelle seiner Gelder zu mindestens technisch dem Vater entdecken. Der Held beginnt, um den Schaden zu ersetzen, bei jeder Gelegenheit zu sparen.
Beichte, Rückerstattung und Rehabilitation laufen nur unter größten Komplikationen einem glücklichen Ende der Geschichte entgegen.

Worum es mir geht, sind die Schlussfolgerungen, die dieser Ferdinand für sich und seine Familie aus seinen Erlebnissen und Erfahrungen zieht. Hier beginnt es dann mit dem gefühlsmäßigen Wegstoßen und Anziehen. Es ist in dieser Familie üblich, dass alle Mitglieder aus dem Stegreif ohne Not auf etwas verzichten. Dass kann eine Nachspeise oder ein seltenes Obst sein, geht aber über reine Essensdinge auch hinaus.

Der Sinn des Ganzen wird durch Goethe so dargestellt, dass, wer freiwillig auf die Erfüllung einer Neigung oder eines Wunsches verzichtet, obwohl Erfüllung möglich wäre, in einer Situation, in der Verzicht notwendig wird, dann leicht verzichten kann.
Wie gesagt, wenn ich mir das praktisch umgesetzt vorstelle, durchwallen mich sehr zwiespältige Gefühle. Geistig sehe ich einen Kuchen vor mir, der für mich gebacken wurde und ich verzichte, ein Stück davon zu essen.

Andererseits beobachte ich, dass es mittlerweile nicht mehr darum geht, ob ein Wunsch erfüllt wird, sondern in welcher Geschwindigkeit. Das kann auch sehr nachdrücklich durch den Wünschenden gefordert werden. Ich glaube zu bemerken, wie die Zeit, sich über einen erfüllten Wunsch zu freuen, schnell sinkt. Viele sind so satt, dass sie sich kaum etwas Wünschenswertes mehr vorstellen können. Ihnen geht es dann wahrscheinlich wie einer Maus, die seit drei Monaten einen Zugang zur Speisekammer gefunden hat und nun keinen Käse mehr essen kann.

Häufig ist alles auf den ultimativen Kick ausgerichtet. Meist hat der etwas mit neuester Technik zu tun. Nur scheint dieser ultimative Kick fast immer dahin zu führen, die unmittelbare Gemeinschaft zu verlassen und in eine ganz eigene, von außen abgeschirmte Welt einzutauchen. Freude ist nun nicht mehr (mit)teilbar. Aus Sicht der Mitmenschen würde Verzicht auf der einen Seite einen Zugewinn an Gemeinschaft bedeuten.

Aus meiner Kindheit weiß ich noch, wie lange das Sparen auf einen Herzenswunsch dauern konnte. In Erinnerung ist mir allerdings auch noch die innige Freude, wenn das Ziel dann erreicht war. Hier wird uns durch Goethe ein Schlüssel, eine Möglichkeit gereicht. Nun leben wir in einer neuen Zeit. Wir sind uns doch größtenteils eines richtigen, inneren Weges bewusst. Sicher braucht es in der Alltagshektik immer wieder die nötige Achtsamkeit, um sich dessen bewusst zu werden.

Daher hege ich die Hoffnung und das Vertrauen, dass sich jeder mit dieser Anregung auf seine eigene Weise auseinandersetzt. So kann es sein, dass der hier dar gebrachte Schlüssel ein Tor öffnen kann.

Andere werden ihn dazu benutzen, diese Tür aus der Vergangenheit ganz schnell wieder zuzusperren.

© Jens Bitterlich 2019. www.schulberatung-bitterlich.de

 

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